Bericht vom 10. Kulturspaziergang – Die Waldsiedlung Zehlendorf – die Papageiensiedlung

Vom sozialen Wohnraum zum UNESCO Weltkulturerbe
10. Kulturspaziergang der Akademie 2. Lebenshälfte

Bei sonnigem, frühlingshaftem Wetter trafen sich mehr als 30 Interessierte zu einem Vortrag über und einer Führung durch die sog. Papageiensiedlung in Berlin Zehlendorf, direkt am U-Bahnhof Onkel-Toms-Hütte. Im Vereinstreffpunkt der Siedlung, dem Kiezcafé „Frisierkunst“ erfuhren sie Näheres über die Entstehung, den Namen und die Finanzierung dieser sozialen Wohnbaumaßnahme der beginnenden 1920er Jahre.

Die katastrophalen Wohnverhältnisse in Berlin Anfang der 1920er Jahre und der Mangel an Hygiene, der mit hoher Kindersterblichkeit einherging, wurde zum Politikum. Berlin wuchs in dieser Zeit zu einer 4-Millionenstadt und dazu kamen weitere ca. 400.000 Menschen, Arbeitssuchende und auch Kriegsinvaliden.

Die Regierung, besonders in Berlin, musste handeln und durch das glückliche Zusammentreffen des Visionärs und Besitzers der Zehlendorfer Terraingesellschaft Adolph Sommerfeld mit dem Architekten Walter Gropius, Leiter des Bauhauses in Dessau und dem Architekten Bruno Taut konnte in Berlins Süden eine Siedlung in Licht und Luft in der Nähe des Grunewalds mit Mietwohnungen und Reihenhäusern geplant und umgesetzt werden. Sie wurde für kinderreiche Familien und Menschen mit unterem Einkommen errichtet und es entstand ein gemeinschaftliches, genossenschaftliches Leben unter den Bewohnern.

Durch die Nähe zum Bauhaus wurden von den Architekten Bruno Taut, Hugo Härring und Otto Salvisberg Konzeptionen erarbeitet, die durch besondere Farbigkeit und durch die Verwendung von kostengünstigen Baumaterialien auffielen. Diese Farbigkeit, im Volksmund „wie ein Papagei“ und die Flachdacharchitektur stießen bei den bereits in Zehlendorf in ihren großen Landhäusern lebenden, äußerst wohlhabenden Bürgern wie Bankhaus- oder Fabrikbesitzern, hoch dotierten Ärzten und Juristen auf größte Abneigung und Protest.

Dennoch konnte die Siedlung mit zunächst 2500 Wohneinheiten für 5000 Menschen errichtet werden, aber die Ablehnung machte sich auf andere Weise Luft: Auf gleichem Terrain wurden zum selben Zeitpunkt Reihenhäuser für mittlere Angestellte durch andere Architekten errichtet, die bereits ihre deutsch-nationale Haltung wenig verbargen und einen Haustyp planten, mit rot gedeckten Satteldächern – so wie sie sich Wohnraum für Deutsche vorstellten.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden viele Menschen, die dieser Ideologie nicht folgten, häufig Gewerkschafter oder Menschen jüdischen Glaubens aus den Wohnungen der sog. Papageiensiedlung vertrieben und ermordet, das gemeinschaftliche Zusammenleben zerbrach.

Nach Beendigung des 2. Weltkriegs verkam die Siedlung. Der Berliner Senat, der diese Wohnanlage inzwischen übernommen hatte, besaß weder die Mittel noch das Interesse, diese Bauhaussiedlung wieder zum Leben zu erwecken, die Farben verblassten, die Häuser erhielten den typischen Berliner Sand- und Reibeputz und finanziell sehr schwache Bevölkerungsgruppen wurden in den wenig attraktiven Wohnungen untergebracht.

1982 gelang es jedoch zwei ortsansässigen Architekten, diese Siedlung unter Denkmalschutz stellen zu lassen. 1990 dann wurde sie an private Immobilienunternehmen verkauft, wechselte siebenmal die Besitzer, welche zwar den farbigen Ursprung der Siedlung wiederherstellten und die Wohnungen modernisierten, jedoch auch jedes Mal die Mieten anhoben, sodass dieser Komplex in keiner Weise mehr unter die Bezeichnung „Sozialwohnungen“ fällt.

Der Rundgang durch die in der Planung zukunftsweisende Wohnanlage in Berlin-Zehlendorf aus den 1920er Jahren direkt vor der „eigenen Haustür“ gab Impulse für Gespräche und darüber hinaus den interessierten KulturspaziergängerInnen die Möglichkeit ein Weltkulturerbe zu besichtigen, das 2026 hundert Jahre alt wird.

 

 

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