12. Kulturspaziergang: Geländeführung Campus der alten Charité Mitte – Geschichte von der Gründung bis zur DDR‑Zeit

Allerbestes Spätsommerwetter ermöglichte eine gelungene und wieder gut besuchte 60-minütige Führung zu Fuß über den Campus der alten Charité Mitte. Im Verlauf dieses Besuches über den Campus erfuhren die Teilnehmer sehr umfangreich, besondere und bedrückende Fakten über die Charité.

Charité ist Französisch und bedeutet „Nächstenliebe“.

1710 als Pesthaus vor den Toren Berlins von König Friedrich I. errichtet, das er aus seiner Privatschatulle finanzierte, wurde bald darauf, da Berlin von der Pest verschont blieb, als Haus für Arme, Bettler, Prostituierte und Entbindungsheim für uneheliche Schwangere umgewandelt.

Ab 1727 wurde die Charité zum Militärkrankenhaus.

1810 wurde die Berliner Universität gegründet und erhielt auf dem Gelände 2 medizinische Fakultäten. Die sogn. Pipellerie, in der Ärzte in deutscher Sprache und als Militärärzte ausgebildet wurden, aus denen auch später Rudolf Virchow und Walter von Behring hervorgingen, und die 2. in der die Ärzte in lateinischer Sprache zu Zivilärzten ausgebildet wurden.

Von Anbeginn war die Charité nicht nur Krankenhaus, sondern auch Forschungsstätte, die verschiedene Nobelpreisträger hervorbrachte, bahnbrechende medizinische Neuerungen, aber deren jüdische Ärzte sämtlichst von den Nationalsozialisten vertrieben wurden und ihrer Ämter enthoben.

Aus dieser Zeit ist ein Arzt ganz besonders für seine Gräueltaten zu erwähnen, der Leiter der Psychatrischen Abteilung, Max de Crines, SS‑Hauptsturmführer und Hitlervertrauter. Er war maßgeblich für das Programm T4 verantwortlich, die Tötung von Kranken, Behinderten, Zwangssterilisierung von Homosexuellen und das Töten behinderter Kinder. Er beging bei der Befreiung Berlins durch die Rote Armee mit seiner Ehefrau bei Stahnsdorf Selbstmord, während andere Ärzte sich in den Nürnberger Prozessen verantworten mussten.

Eine Kommission beschäftigt sich mit der Aufarbeitung und ebenfalls mit dem ambivalenten Verhalten zur NSDAP des weltweit anerkannten Prof. Dr. Sauerbruch, der noch bis zum Kriegsende Mai1945 im „Sauerbruchbunker“ auf dem Gelände der Charité operierte.

Sauerbruch entwickelte eine besondere Amputationsmethode für Soldaten, deren Arme zerfetzt wurden, damit sie mit einer von ihm entworfenen Prothese weitgehend selbstständig leben konnten, und geriet so in die Auseinandersetzung mit denjenigen, die eine andere Form der Amputation nach dem Orthopäden Dr. Kruckenberg bevorzugten, die dann an das Oskar-Helene-Heim nach Dahlem verwiesen wurden, da Sauerbruch diese Amputationsmethode ablehnte und sich auch weigerte, sie an seiner Klinik durchzuführen.

Im ältesten, noch erhaltenen Gebäude der Charité, das zurzeit renoviert wird, entwickelten die jüdischen Ärzte und Gynäkologen Selmar Ascheim und Bernhard Zondek den ersten Schwangerschaftstest, der ab 1927 bis 1960 häufig eingesetzt wurde. (Nach der Renovierung wird das Gebäude den Namen beider Ärzte tragen).

Beide Ärzte wurden ihrer Ämter enthoben. Aschheim floh nach Palästina, Zondek floh nach Frankreich, lebte dort im Untergrund, und wurde französischer Staatsbürger.

Das Ergebnis der Forschung beider Ärzte wurde zur späteren Grundlage der Entwicklung der Anti-Baby-Pille.

Die Spaltung der Stadt ab 1961 war ein herber Schlag für die Charité, da von einem Tag auf den anderen große Teile der Belegschaft nicht mehr zu ihrem Arbeitsplatz zurückkehrten.

Als Aushängeschild der Krankenhauslandschaft der DDR wurden besondere Maßstäbe an die Mitarbeiter der Charité gelegt, die sich außer beruflicher Qualifikation auch in linientreuem Verhalten und besonderer Leistung für den deutschen sozialistischen Staat beweisen mussten.

Das Ende dieser äußerst informativen und sehr interessanten Führung über das Gelände bildete die Erklärung des Reliefbildes der gesamten Fläche des heutigen Charitégeländes und die Möglichkeit, in Eigenregie die Pathologische Sammlung des Museums zu besuchen, die nichts für schwache Nerven ist.

Wir freuen uns immer wieder, dass wir viele interessierte Menschen mit unserem Kulturprogramm erreichen. Jedoch empfinden wir auch eine große Bedrückung gegenüber der Erfahrung, dass nahezu jedes Ziel unserer Veranstaltungen einen Zusammenhang zu unserer deutschen Geschichte aus der düsteren Zeit belegt. Es macht uns klar, wie sehr das gesamte zivile Leben in dieser Zeit von dieser politischen Gesinnung durchdrungen war; in nur 12 Jahren!

 

Elisa Stöwahse, 23. September 2026

#chariteberlin #kulturspaziergang #ehrenamttks #ehrenamtsbürotks #ehrenamt #stahnsdorf #kleinmachnow #teltow #stadtteltow #akademie2

@chariteberlin

© Fotos: E. Stöwahse

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert